Naturregion Arktis

Die Arktis ist eine einzigartige Naturregion im Norden der nördlichen Erdhemisphäre. Ihre Landschaft ist vielfältig mit imposanten Bergen und silbrig weißen Gletschern, tosenden Wasserfällen und blaugrün schillernden Eisbergen, moosbewachsenem Sand und endloser Weite, tiefblauen Flüssen und spiegelnden Seen, beeindruckenden Fjorden und weitläufigen Meeresküsten. Und sie beheimatet eine faszinierende Pflanzen- und Tierwelt, welche durch die dünne Besiedelung des Menschen bislang noch nicht so stark beeinträchtigt wurde als dies in anderen Weltregionen bereits passiert ist. Die Wetterbedingungen sind manchmal rau und unwirtlich und von tief hängenden Wolken, gewaltigen Stürmen und peitschendem Regen geprägt, dazu kommt die eisige Kälte und mancherorts auch intensiver Schneefall. Doch dann wird die Luft auf einmal so klar, dass sie den Blick frei gibt auf die prächtigen Farben der arktischen Natur und auf die atemberaubenden Lichterscheinungen des arktischen Tag- und Nachthimmels. Nirgendwo sonst ist die Kraft der Natur so spürbar und nirgendwo sonst findet man eine so erholsame Ruhe wie in der allgegenwärtigen Weite der Naturregion Arktis.

Barents See, 24.09.2009
Island, 21.08.2012
Island, 21.09.2011
Island, 20.09.2011


Die Arktis lässt sich nach zwei Kriterien abgrenzen, zum einen nach einem klimatologischen, zum anderen nach einem astronomischen Gesichtspunkt. Klimatologisch werden zunächst einmal all diejenigen Regionen zur Arktis gezählt, in welchen entweder Tundrenklima (ET) oder Frostklima (EF) vorherrscht (sofern es nicht ausschließlich auf das Bergland beschränkt ist). Dieses umfasst in der Westhälfte Nordamerikas, also in Alaska, Yukon, den Northwest Territories und im Nordwesten Nunavuts in etwa das Gebiet nördlich des Polarkreises (außer der Mackenzie Tiefebene). Weiter östlich, im Bereich der Hudson Bay, reicht das Tundrenklima aber weiter nach Süden, speziell an deren Ostseite, wodurch neben dem Großteil Nunavuts auch noch ein erheblicher Teil Quebecs (bis nahe 56° Nord) in diese Zone hineinfällt. Zudem ist die gemeinsame Nordspitze der beiden kanadischen Provinzen Quebec und Neufundland/Labrador ebenfalls noch der Arktis zuzuordnen. Der überwiegende Anteil der Tundra entfällt aber auf die zahlreichen Eisinseln, die sich nördlich und nordwestlich des kanadischen Festlandes befinden, von denen gleich vier immerhin zu den zehn größten Inseln der Welt gehören, wie das Baffinland, Victorialand oder Ellesmere Island, vor allem aber Grönland, die unermesslichste und weitläufigste Insel der Erde. In Europa setzt sich die Tundra fort und umfasst weitere Inseln, wie Island (wo nur Teile der äußersten Südwest- und Südküste ausgenommen sind), Jan Mayen, Svalbard, Franz-Josef-Land sowie den Großteil Nowaja Semljas (gesamte Nordinsel sowie den Norden der Südinsel). In Asien ist dann aber nur noch die Inselgruppe Sewernaja Semlja betroffen sowie ein etwas breiteres Stück Land entlang der Nordküste West-/Mittel-Sibiriens zur Karasee sowie auch noch der äußerste Nordosten Asiens, die Chukchi-Halbinsel an der Grenze zu Alaska. Astronomisch werden aber noch zahlreiche weitere Gebiete zur Arktis gezählt, und zwar generell alle Regionen nördlich des nördlichen Polarkreises (66°33´), selbst wenn sie kein Tundrenklima aufweisen. Damit wird nun auch die Mackenzie Tiefebene (Northwest Territories) einbezogen (Feuchtkaltes Kontinental-Subarktisches Nadelwaldklima Dfc), weiters Nord-Norwegen, Nord-Schweden, Nord-Finnland sowie der europäische Teil Nord-Russlands (jeweils Feuchtkaltes Kontinental-Subarktisches Nadelwaldklima Dfc, Lofoten aber auch Feuchtgemäßigtes Ozeanisch-Subpolares Klima Cfc). Die ausgedehntesten arktischen Regionen, die nicht der Tundra zugerechnet werden, befinden sich aber in Sibirien und erstrecken sich weitläufig vom Nord-Ural über den Norden West- und Mittel-Sibiriens bis in das ferne Nordost-Sibirien (die meisten davon Feuchtkaltes Kontinental-Subarktisches Nadelwaldklima Dfc, Teile Mittel- und Ostsibiriens aber auch Feuchtkaltes Kontinental-Subarktisches Klima mit extremer Winterkälte Dfd).

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Hintergrundbild: jeweils NASA                          Benennung der Randmeere und Meeresstraßen: Andreas Pfoser


Zur Arktis gehören jedoch nicht nur kontinentale Landgebiete und Inseln sondern auch eines der sieben Weltmeere, der Arktische Ozean. Dieser umfasst das gesamte Nordpolargebiet bis hin zu den nördlichen Festlandsgrenzen von Skandinavien, Russland und Sibirien, sowie Alaska und Kanada, umschließt dann Nord- und Mittel-Grönland und reicht bis zur Nordküste Islands. Im Zentrum des Arktischen Ozeans befindet sich das Nordpolarmeer, an dessen Südrand mehrere Randmeere anliegen: die Beaufort See (nördlich von Alaska, Yukon und Northwest Territories), die Hudson Bay (zwischen Nunavut und Quebec mit Küstenanteilen auch in Manitoba und Ontario), die Baffin Bay (zwischen Baffinland und Grönland), die Grönland See (östlich von Grönland zwischen Svalbard und Island gelegen), die Barents See (zwischen Nord-Norwegen, Svalbard, Franz-Josef-Land und Nowaja Semlja gelegen), die Kara See (nördlich von West- und Mittel-Sibirien zwischen Nowaja Semlja und Sewernaja Semlja), die Laptew See (nördlich von Mittel- und Ost-Sibirien zwischen Sewernaja Semlja und Neusibirische Inseln), die Ostsibirische See (nördlich von Ost-Sibirien zwischen Neusibirische Inseln und Wrangelinsel) sowie die Chukchi See (zwischen Nordost-Sibirien und Alaska). Gegenüber dem Nord-Pazifik ist der Arktische Ozean über die relativ enge Bering-Straße am Südrand der Chukchi See gut abgegrenzt. Mit dem Nord-Atlantik ist der Arktische Ozean hingegen breiter und an mehreren Stellen verbunden. So gelangt man zum Beispiel über die Hudson- oder Davis-Straße von der Hudson Bay bzw. Baffin Bay in die zum Nordatlantischen Ozean gehörige Labrador See. Die Danmark-Straße verbindet die arktische Grönland See mit dem offenen Nordatlantik und in Europa geht die zum Nord-Atlantik gehörende Norwegische See weitläufig sowohl in die Grönland See im Nordwesten als auch in die arktische Barents See im Nordosten über.

Bedeutende Meeresströmungen im Arktischen Ozean sind der Norwegische Strom, welcher entlang der Küste Norwegens fließt und ausgesprochen warmes salzreiches Wasser in großen Mengen in die Barents See einträgt, dann der Westspitzbergen Strom, mit dem von Nord-Norwegen ausgehend ebenfalls warmes Wasser an die Westküste Svalbards gelangt sowie der Irminger Strom, welcher aus dem Nordatlantischen Strom abzweigt, um warme Wassermassen an die Küsten Islands zu transportieren. Bedeutende kalte Gegenströme sind der Ostgrönland Strom an der Ostküste Grönlands sowie der Labrador Strom, der an der Ostküste von Baffinland fließt und arktisches Wasser in die Labrador See einträgt. Dazwischen strömt noch der schwach milde Westgrönland Strom an der Westküste Grönlands Richtung Norden. Im zentralen Nordpolarmeer ist nur eine sehr schwache Meeresströmung vorhanden, der antizyklonal drehende Beaufortwirbel. Warme Meeresströmungen sind dafür verantwortlich, dass der Arktische Ozean selbst im Winter nicht komplett zufriert. So bleiben die Grönland See zumindest abseits eines etwas breiteren Abschnitts entlang der grönländischen Ostküste sowie auch die Barents See bis auf russische Küstenbereiche ganzjährig eisfrei. Im Verlauf des Sommers zieht sich dann die Packeisgrenze vor allem in der Osthälfte des Arktischen Ozeans weit zurück und erreicht im östlichen Nordpolarmeer stellenweise schon fast 85° Nord. In der Westhälfte fällt der Eisverlust derzeit zwar noch geringer aus, aber auch hier werden sämtliche Nebenmeere mittlerweile fast durchwegs eisfrei und die Eisrandzone verläuft Mitte September typischerweise bei etwa 80° Nord. Lediglich zu den westlichen Kanadischen Eisinseln greift sie dabei noch deutlicher südwärts aus, manchmal auch noch entlang der Nordostküste Grönlands. Das Packeis darf nicht als geschlossene Eiskappe angesehen werden. Permament wirkende dynamische Kräfte aufgrund von Meeresströmungen und Winden treiben Risse in den Eispanzer, woraus Rinnen offenen Wassers resultieren, welche einige Meter bis sogar Kilometer breit werden und teils mehr als 100km Länge erreichen. In der Winterkälte frieren diese Rinnen stets wieder rasch zu und treten daher nur vereinzelt auf, im Sommer und Herbst findet man diese aber zahlreicher vor und es kommen dann auch noch Schmelztümpel dazu, kleine Flachwasserteiche geschmolzenen Schnees an der Eisoberfläche mit etwa 2m bis 20m Durchmesser. Am Rande der Packeiszone erfolgt kein direkter Übergang in das offene Meer, sondern hier befinden sich noch Treibeisschollen mit Durchmessern bis zu 500m.

Grönland See, 06.10.2018
Island, 06.10.2018


Klimatologisch unterscheidet sich die Arktis deutlich von südlicheren Gefilden. Die Temperaturen sind niedrig, Niederschläge fallen in nennenswertem Anteil in Form von Schnee. Daher sind in der Arktis auch andere Jahreszeitenzuordnungen als bei uns gebräuchlich. So zählt man den Oktober bereits zum Frühwinter, bevor von November bis in den Februar hinein die Kälte und Dunkelheit des Tiefwinters die arktischen Regionen endgültig fest in ihren eisigen Griff nehmen. Auch die Monate März und April bleiben noch winterlich, auch wenn die Sonne nun zurückkehrt. Doch Schnee und Eis unterbinden vorerst noch eine spürbare Erwärmung, was dieser Jahreszeit den Begriff Lichtwinter eingebracht hat. Im Mai ist dann aber endlich Frühling und im hellen Juni Frühsommer. Juli und August zeigen danach auch in der Arktis zumindest Ansätze eines Sommers. September ist dann wieder ein Übergangsmonat, der den kurzen arktischen Herbst mit all seinen Facetten einziehen lässt.

Auch astronomisch bietet die Arktis einige Besonderheiten. So verlaufen zum Beispiel die scheinbaren Himmelsbahnen von Sonne und Mond, aber auch die der Sterne und Planeten aufgrund der hohen geografischen Breite außergewöhnlich flach über das Firmament und zwar umso flacher je weiter nördlich man sich befindet. Damit kann natürlich die Sonne tagsüber keine so große Höhe erreichen wie in mittleren oder niedrigen geografischen Breiten. Allerdings ermöglicht der flache Verlauf der Sonnenbahn eine in Relation zur Höhe recht ansehnliche Tageslänge mit einer zeitlich ausgedehnten Morgen- und Abend-Dämmerung. Dabei kommt es jedes Jahr für eine bestimmte Zeit um die Sommersonnenwende (etwa 21. Juni) zu den sogenannten „hellen Nächten“, die beobachtet werden können, wenn die Sonne während der gesamten Nacht nicht mehr als 6° unter den Horizont sinkt (bürgerliche Abenddämmerung geht nahtlos in die bürgerliche Morgendämmerung über). Befindet man sich nördlich einer geografischen Breite von etwa 65°45´, so kann man sogar die Mitternachtssonne erleben, ein Ereignis, bei welchem zumindest der Oberrand der Sonne einige Tage oder Wochen überhaupt nicht unter den mathematischen Horizont sinkt. Umgekehrt tritt aber ab einer geografischen Breite von etwa 67°25´ um die Zeit der Wintersonnenwende (etwa 21. Dezember) jedes Jahr auch ein Zeitraum ein, in welchem die Sonne ganztägig gar nicht aufgeht. Befindet man sich zwischen diesen beiden Breitengraden, so gibt es zwar Polartage (Sonne ganztägig über dem Horizont) aber keine Polarnächte (Sonne ganztägig unter dem Horizont). Ein Beispiel hierfür ist Kangerlussuaq in Grönland (67°N), wo die Sonne vom 2. Juni bis zum 10. Juli mehr als fünf Wochen lang nicht untergeht, aber auch während der Wintersonnenwende zumindest zur Mittagszeit (Tageslänge immerhin etwa 1.5 Stunden) noch knapp über dem Horizont verläuft (Höhe des Sonnenmittelpunktes etwa 0.1°). Abseits von Sonnenauf- und –untergang ist auch noch die in manchen Gebieten teils erhebliche zeitliche Versetzung des wahren Mittags (Sonnenhöchststand) gegenüber der gesetzlich festgelegten Mittagszeit (12:00 Uhr lct) erwähnenswert, zu der es immer dann kommt, wenn der Bezugslängengrad für die angewandte Zeitzone relativ weit vom entsprechenden Gebiet entfernt ist. So befindet sich zum Beispiel die Nordostspitze Grönlands auf etwa 11.3°W, der Bezugslängengrad der zugeordneten Zeitzone hingegen auf 45°W, wodurch der wahre Mittag hier bereits sehr früh, nämlich schon zwischen 09:30 und 10:00 Uhr grönländischer Zeit (im Winter, je nach Zeitgleichung) eintritt. Genau gegengleich verhält es sich an der äußersten Westspitze Alaskas. Dieses Gebiet befindet sich mit 168.1°W ebenfalls mehr als 33° vom Bezugslängengrad seiner Zeitzone (135°W) entfernt, allerdings westlich davon, sodass die Sonne zum Beispiel während der Sommerzeit erst gegen 15:00 bis 15:20 Uhr (je nach Zeitgleichung) den lokalen Südmeridian durchquert.

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Andreas Pfoser, 5. Oktober 2019

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